Da weiß einer, wovon er spricht. Über vierzig Jahre war Lindner als Blindenlehrer tätig, davon mehr als zwanzig Jahre Leiter der von-Vincke-Schule für Blinde und Sehbehinderte in Soest. So geht es ihm in seinem Buch auch um mehr, als nur eine „philatelistisch-wissenschaftliche“ Arbeit zu verfassen. Sein Anliegen ist es, verständlich in der Sprache und eingängig in der Darstellung ein möglichst breites Publikum anzusprechen und es mit dem Blindenwesen und seiner Pflege vertraut zu machen, ohne den philatelistischen Aspekt zu vernachlässigen oder auf Genauigkeit in den Angaben zu verzichtet. Und auch der fortgeschrittene Sammler soll zu seinem Recht kommen. Um es vorweg zu nehmen: dieser Spagat ist dem Autor gelungen!

Die allgemein gehaltene Einführung informiert über die grundsätzlichen Kommunikationsmöglichkeiten blinder Menschen und beleuchtet die Stellung und Bedeutung von Blinden im Altertum über das Mittelalter bis hin zur Einrichtung der ersten Blindenschulen im späten 18. Jahrhundert. Lang war danach der Weg von den ersten tastbaren Reliefschriften zur Erfindung der Braille-Schrift 1825. Im Alter von drei Jahren erblindete Louis Braille in Folge einer Verletzung, die er sich in der väterlichen Schusterwerkstatt beim Spielen mit einer Ahle zugezogen hatte. Erst sechzehn Jahre alt entwickelte er seine eigene Blindenschrift. Dabei ließ er sich Ausgangspunkt von einer beim Militär eingeführten „Nachtschrift“ inspirieren, die Soldaten in die Lage versetzte, im Dunkeln Texte zu ertasten. Geschickt reduzierte Braille dieses System auf einen Sechs-Punkte-Code, mit dessen Hilfe sich 63 Kombination für alle Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen darstellen ließen. Allerdings bedurfte es weiterer 25 Jahre bis zum Durchbruch, den Braille kurz vor seinem Tod mit der offiziellen Zulassung seiner Schrift für den Unterricht an Blindenschulen erleben konnte. Heute ist sie das gängige System in allen Ländern der Welt und findet für die unterschiedlichsten Sprachen und Schriften Verwendung, darunter arabisch, japanisch oder jüngst tibetisch. Diese Version entwickelte Sabriye Tenberken für ihre Schülerinnen. Nach dem Studium in Marburg und Bonn gründete sie 1998 zusammen mit ihrem Mann in Lhasa die erste dortige Blindenschule.

Der einführende kulturgeschichtliche Abriss leitet über zu einer detaillierten Darstellung der postalischen Behandlung von Cecogrammen [< lat. caecus = blind], so die internationale Bezeichnung für Blindensendungen in der Postsprache. Bei Gründung des Weltpostvereins entsprach die Gebühr noch derjenigen gewöhnlicher Briefe. 1886 behandelte man Blindensendungen wie Drucksachen, was erstmals einem Gebührennachlass gleichkam. Dem UPU-Kongress von 1920 in Madrid war es vorbehalten, für Blindensendungen eine Sondergebühr einzuführen mit einem Höchstgewicht, das nach und nach bis auf 7 kg stieg. Der Kongress in Brüssel 1952 sprach die Empfehlung aus, Blindensendungen portofrei zu befördern, was einige Länder längst eingeführt hatten; damit waren Gebühren nur noch für Zusatzleistungen zu entrichten. Auch diese entfielen ab dem 1. Januar 1966. Deutschland folgte den Empfehlungen aber nur teilweise und erhob weiterhin Gebühren für besondere Dienstleistungen.

Lindner ist überzeugt, dass „der Mensch ein optisch orientiertes Lebewesen ist“ und über das Sehen „viel leichter Zugang zu Neuem bekommt“. Das zeigt sich in der Gestaltung seines Buches: gern und häufig bedient er sich Abbildungen, wo immer möglich maßstabsgerecht im Originalformat des Belegs. Sein frühestes Dokument – fast alle Stücke stammen aus seiner eigenen Sammlung – zeigt eine Berliner Ortspostkarte vom Dezember 1885. Daneben kann er seltene Verwendungen vorstellen wie etwa Auslandsdestinationen, eine Schallplattensendung des Berliner Punktdruck-Verlags oder eine portofreie wiederverwendbare Blindensendung an die Norddeutsche Blindenhörbücherei. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Blindensendungen aus den verschiedenen – teilweise recht kurzlebigen – deutschsprachigen Gebieten. Dazu zählt eine Sendung aus der Ostmark 1938 mit der seltenen 1 Pf-Frankatur, Verwendungen aus dem Saargebiet, Sudetenland, Elsass, Eupen-Malmedy, Böhmen und Mähren, dem Generalgouvernement, Saarland und den verschiedenen Besatzungszonen, der DDR und schließlich der Bundesrepublik. Hilfreich und wertvoll die immer wieder integrierten Portotabellen: oft ließen sie sich nur durch aufwendige und mühsame Recherche zusammenstellen. Diese Gebührenübersichten aus den unterschiedlichen Gebührenperioden allein lohnen die Anschaffung des Werks!

Bisher führten Blindensendungen in postgeschichtlichen Exponaten ein Schattendasein. Damit dürfte es nach Lindners Veröffentlichung vorüber sein, denn künftig werden Juroren sicher gezielt auf Cecogramme achten. Die Stiftung zur Förderung der Philatelie und Postgeschichte traf mit der Bezuschussung des Buchprojekts jedenfalls eine richtige Entscheidung. Dieser gelungene erstmalige Versuch, die postalische Behandlung von Blindensendungen in Deutschland zu hinterfragen und umfassend philatelistisch zu dokumentieren, hatte es verdient!

Wer über den Tellerrand blicken möchte, um zu erfahren, wie Blindensendungen in aller Welt behandelt werden, wird fündig auf der Webseite des Autors: www.lindnerfk.de.

LINDNER, Franz-Karl Lindner, Blindensendungen in Deutschland – ihre postalische Behandlung. 89 S., A 4, Hardcover, Fadenbindung, Abb. farbig. ISBN 978-3-00-073545-5. Eigenverlag 2023. Preis: 35,00 € + Versandkosten. Bezug: Franz-Karl Lindner, Westfälischer-Friede-Weg 21 59595 Soest. Tel. 02921/79659. E-mail: fkl50@gmx.de

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