„Wollen Sie wissen, was einer der ‚100 einflussreichsten Denker der Welt‘ sammelt und wie er seine philatelistische Sammlung aufgebaut hat?“ – Das war die Frage, die das Auktionshaus Heinrich Köhler auf einer Einladungskarte zur Erstpräsentation des Buches während der Internationalen Briefmarkenbörse in Ulm am 23. Oktober 2025 stellte. Die Frage machte neugierig, diese Veranstaltung zu besuchen und in eine Welt eines Wissenschaftlers einzutauchen, dessen berufliche Karriere kaum an Höhepunkten zu überbieten ist. Über den Lebensweg des 1947 in München geborenen Gerd Gigerenzer informiert eine Wikipedia-Seite mit 17 (!) Seiten Umfang. Über seinen ungewöhnlichen Weg zur Philatelie und zur Bayern-Philatelie dieses lesenswerte Buch.
Gigerenzer hatte nach Besuch des Gymnasiums und nachfolgendem Wehrdienst die Entscheidung zwischen Studium oder Musik, denn er spielte u.a. bei den „Munich Beefeaters“, einer gefeierten Dixieland- und Jazzband, die sogar für den VW-Golf einen TV-Werbespot musikalisch unterlegte. Trotz aussichtsreicher Karriere in der Musikszene entschied er sich für die Wissenschaft und damit für das „Risiko“. Ihm gelang es, eine Herausforderung nach der nächsten in Deutschland, aber auch im Ausland (u.a. in den USA, Großbritannien, Österreich) zu bewältigen und Erfolge bei Problemlösungen zu erreichen, die hohe Anerkennung fanden.
In der Philatelie war und ist sein Name so gut wie unbekannt. Er war kein Aussteller, er hat seine Sammlung nie öffentlich gezeigt. Zudem kam er dazu wie die ‚Jungfrau zum Kinde‘. Zufällig 1982/83 auf einem Flohmarkt in Bielefeld, wo er neben anderem eine kleine Sammlung bayerischer Briefmarken entdeckte, die ihm half, den Geist der früheren Zeit besser zu verstehen. Seitdem interessierte er sich für Briefe und Marken, aber auch besonders für deren Hintergründe und Einbettung in die Kultur- und Zeitgeschichte. Wie ein Detektiv erforschte er nicht nur die Frankaturen von Belegen, sondern – sofern der Inhalt noch vorhanden oder die Absender/Adressen zu ermitteln waren – auch all das, was er über diese in Erfahrung bringen konnte.
Ansprechende Beispiele nennt er in seiner Einführung zu diesem lesenswerten Buch, dessen 248 Seiten in vier Kapitel unterteilt sind: I: Ausgabe 1849. Die ersten drei Marken mit Briefen in den Deutsch-Österreichischen Postverein; II: Ausgaben 1850–1875 mit Briefen innerhalb von Bayern; III: Auslandsbriefe der Ausgaben 1850–1875 in den Postverein, das europäische Ausland und nach Übersee sowie IV: Telegraphie innerhalb Bayerns, in die deutschen Staaten und das europäische Ausland.
„Löwen und Schwäne?“ Dies sind die Wappentiere Bayerns, das offizielle und das inoffizielle. Sie stehen für den Titel zur Sammlung, der man durchaus das Prädikat „soziale Philatelie“ (social philately) zuerkennen darf. Denn die große Zahl der ungewöhnlichen Objekte, zumal der Briefe, werden jeweils nicht nur philatelistisch zutreffend beschrieben und mit Aussagen früherer Prüferatteste vorgestellt, sondern auch – wo immer möglich – mit ihrem kulturell-sozialen Kontext. Das ist nahezu neu, sehr ungewöhnlich, einfach faszinierend. So wie das Buch überhaupt, das nicht nur wegen seiner professionellen Gestaltung eine Empfehlung wert ist.
Kurzdaten: Format 25,5 x 34 cm, 248 Seiten, in Farbe, Kunstdruckpapier, Hardcover mit Schutzumschlag sowie goldener Titel- und Buchrückenprägung, Verkaufspreis: 79 Euro. Bezug: Auktionshaus Heinrich Köhler GmbH & Co. KG, Hasengartenstr. 25, 65189 Wiesbaden, Tel. 06 11/34 149-0, E-Mail: info@heinrich-koehler.de, www.heinrich-koehler.de
